Das Mysterium Heelin Coo

Da lag ich also nun am Abend meines ersten Tages als Fernwanderer zitternd weil unterkühlt weil nicht genug gegessen im Bett, und wurde mit heißem Tee und Essen befüllt. Meine Waden oberhalb der Fußknöchel sahen erbärmlich aus (ich erspare euch Fotos) und wurden mit kalten Lappen und Kortisonsalbe behandelt. Es war wirklich mehr als fraglich, ob wir am nächsten Tag weiter wandern würden können. Das ist allerdings auch der Nachteil an den fest gebuchten Unterkünften: man muss eben wandern, egal wie es einem geht oder was das Wetter so treibt.

Der menschliche Körper besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Regeneration, am nächsten Morgen war ich tatsächlich einigermaßen wieder hergestellt. Meine Waden waren immer noch dick und heiß, aber ich schnürte meine Stiefel auf den Rat von Bill hin nicht bis ganz nach oben und dann ging es. (Im übrigen habe ich es seitdem immer so gemacht. Lediglich bei sehr unwegsamen Terrain schnüre ich die Stiefel komplett bis oben zu und lockere sie wieder, sobald es geht.) Die heutige Etappe führte von Drymen über den 361 m hohen Conic Hill über Balmaha entlang des Loch Lomond bis nach Rowardennan. Mit vollen Bäuchen und ausgestattet mit einem guten Lunchpaket waren wir unterwegs.

Der Anstieg aus Drymen heraus wurde dann direkt schon mit diesem fantastischen Ausblick über den Loch Lomond belohnt.

Wie man sieht, war ich guter Dinge. Ich setze das Bild mal in den korrekten Kontext: eigentlich bin ich vollständig verzweifelt. Ich war und bin bis heute nicht vollständig trittsicher, und Wurzeln und Steine sind für mich immer noch ein potentielles Stolperrisiko. Daher auch die am Vortag noch hastig gekauften Wanderstöcke, ohne die ich den Weg niemals zuende hätte gehen können. Wir wissen, ja, bergauf ist anstrengend, und gefühlt zog sich der Anstieg eine Ewigkeit, in der wir auch von dutzenden Menschen überholt wurden. Netterweise ließ mein Mann mich nicht einfach zurück, wenn ich mal wieder eine Dampflok schnaufend stehen bleiben musste um Pause zu machen. Aber, der Mensch ist ja lernfähig, ich wußte eben, dass ich ohne Wasser und Essen niemals ankommen würde.

Und dann waren wir endlich oben. Naja, fast. Es gibt noch einen letzten kleinen Aufstieg zum Gipfel, den wir uns dann aber geschenkt haben.

Fairerweise muss man diesen Menschen zugestehen, dass die meisten von ihnen Tagesausflügler waren und nur den Conic Hill einmal rauf und wieder runter wanderten. Apropos runter: sagte ich schon, dass ich nicht komplett schwindelfrei bin? Blöderweise musste mein Mann das in dem Moment von mir erfahren, als ich den Abstieg Richtung Balmaha sah.

In meinem Gesicht sieht man die pure Erleichterung, als wir unter viel Gefluche endlich am Fuße des Conic Hill und  in Balmaha angelangt waren, und dort im Pub trafen wir, na, ratet mal, richtig: Bill. Der war morgens vor uns los gelaufen und wollte heute aber nicht mehr weiter, weil er in Rowardennan Hotel kein Zimmer mehr gekriegt hatte. Nach einer kleinen Stärkung ging es dann zunächst gut gelaunt, aber doch mit schweren Beinen weiter.

Wie man sieht, läuft der Weg teilweise wirklich direkt am See entlang, an einigen Stellen geht es einen halben Meter runter direkt ins Wasser, so dass man hier besser seine Schritte gut wählt. Warum ich übrigens gerade sagte, zunächst gut gelaunt? Naja, der Weg war nicht unbedingt leicht zu gehen. Teile führten über die Straße, die übrigens dann in Rowardennan auch endet, und dann gab es wieder mehr so Trampelpfade durch die Wälder am Ufer. Mit dem von mir liebevoll getauften “Buttplug Hill” in den Knochen zogen sich die letzten Kilometer derart, dass ich gefühlt eine halbe Meile vor dem Hotel einen kleinen Nervenzusammenbruch kriegte. “Die verarschen uns doch, hier ist kein Hotel! Wo soll denn bitte hier ein Scheiß Hotel sein?” Diese Schimpferei hatte übrigens mein nach wie vor gut gelaunter Mann zu verantworten, der mir das Hotel hinter der nächsten Kurve versprochen hatte. Blöderweise glaubte ich ihm und seinen Kartenlesekünsten nach der fünften Kurve nicht mehr.

Das Hotel kam dann aber doch. Ich hülle mal den Mantel des Schweigens darüber, nur soviel: wenn ich die Wahl zwischen einem B&B und einem Hotel habe, nehme ich IMMER das B&B. Zunächst mussten wir die Koffer, die von unserem Veranstalter zuverlässig von Unterkunft zu Unterkunft gebracht wurden, aus dem Schuppen hinter dem Hotel holen, und das fand selbst der Süßchenpapi nicht mehr lustig, weil sau anstrengend. Nach einem Abendessen, dass ich lieber auch verschweige, wollten wir dann vor allem eins: schlafen. Und was ist ausgerechnet an diesem Tag? Pub Quiz mit Live Musik, und zwar direkt unter unserem Zimmer. Ganz ehrlich, ich hätte lieber mit den Campern draußen getauscht.

to be continued…

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