Kapitulation – keine Heelin Coo, dafür reichlich Regen

Tag 7 auf dem West Highland Way begann, wie Tag 6 aufgehört hatte: es schüttete. Leider war die anstehende Etappe aber weder kurz noch einfach, also mussten wir los und konnten nicht auf besseres Wetter warten.

Nach einer, sagen wir mal diplomatisch, erfrischenden Dusche und einem passablen  Frühstück ging es also raus in die Suppe. Der Weg führte zunächst ein Stück entlang der Straße ins Glen Coe, um dann auf einen ziemlich steilen Anstieg, die sogenannte Devil’s Staircase, abzubiegen. Hier war dann das erste Snickers fällig, quasi Nervennahrung für die glorreiche Aussicht, im strömenden Regen einen Passübergang zu passieren.

Der Name wurde den Erzählungen nach von den Soldaten vergeben, die im Zuge des  Straßenbaus im 18. Jahrhundert dort Material hoch transportieren mussten, weil die Engländer nach dem Jakobiten Aufstand mehr Kontrolle über die schottischen Provinzen haben wollten. Aber auch einigen Arbeitern am Blackwater Staudamm wurde später wohl ein Feierabend Bierchen zuviel im Kingshouse Hotel durchaus mal zum Verhängnis…

Ich bestätige hiermit: dieser Pass ist ordentlich steil. Er windet sich in Serpentinen hoch, und ich musste praktisch nach jeder Schleife stehen bleiben um Luft zu holen. Netterweise wurde der Regen aber immer weniger je höher wir kamen, und oben am Pass angelangt konnte man wunderbar die Wolkensuppe über dem Glen Coe bestaunen.

Eigentlich hätten wir hier gerne eine kleine Rast gemacht und unseren Lunch gegessen. Das wurde leider schnell torpediert, als eine geführte Reisegruppe oben eintraf und – oh Schreck – sich als deutsche Gruppe entpuppte. Geht das noch jemandem so, dass ihr euch im fremdsprachigen Ausland von Deutschen gestört fühlt? 😅

Nach dem Aufstieg begann, richtig, der Abstieg. Es ging nun von 550 m auf Meereshöhe runter. Neben dieser Höhendifferenz bot er gleich 2 weitere “Highlights”: zum einen hatte sich durch den Regen einiges an Geröll gelöst und lag lose auf dem Weg. Für trittsichere Bergziegen sicher kein Problem, für mich so mittelgut. Außerdem waren wir im Windschatten der Berge und trafen nun das erste Mal auf das gefürchtetste Tier der Highlands. Nein, nicht die Heelin Coo, sondern Culicoides impunctatus, oder in der Gemeinsprache Midges! Bis hierhin hatten wir dank eines kalten Winters Ruhe vor den Viechern, aber bewölkt und mit Windschatten ist eben der bevorzugte Lebensraum dieser Plage.

Also weiter keine Rast, denn nur wenn man schnell genug lief, konnte man den Plagegeistern entkommen, und wir wollten ungern selbst als Lunch enden. Es ging also mehrere Kilometer wieder nach unten, bis man auf die Versorgungsstraße zum Staudamm kam, die aber nicht minder steil bergab ging. Kurz vor der Ankunft in Kinlochleven dachte ich wirklich, meine Schienbeine brechen durch.

In Kinlochleven waren wir dann im ungelogen schönsten B&B der Reise. Plüschig-kitschig, und der Knaller: mit Badewanne! Die gab es übrigens im Kingshouse Hotel auch, aber mit dem Vermerk, doch bitte nur zu duschen. 🙄 Hier war Baden aber erlaubt, so dass ich meinen kaputten Beinen und mir erstmal ein Muskel-Entspannungs-Bad gönnen konnte. Das Abendessen im örtlichen Pub war dann auch noch großartig, der im Reiseführer gelobte Steak and Ale Pie war ein Gedicht!

Der nächste Morgen startete freundlich, es waren zwar leichte Schauer angesagt, aber wir freuten uns auf die letzte Etappe und darauf, den Weg zu beenden. Der Weg führte aus Kinlochleven heraus zunächst einmal auf einen Bergpass entlang der Mamores, der sich dann langsam runter ins Glen Nevis zieht und wo man kurz vor Fort William wunderbare Ausblicke auf den Ben Nevis, den höchsten Berg Schottlands haben soll.

Meine Formulierung lässt das Unheil schon vermuten: so weit kamen wir nicht. Kurz nachdem wir oben auf dem Pass angelangt waren, begann es zu regnen. Und zwar leider nicht die angekündigten Schauer, sondern starker Dauerregen. Wir suchten in einer Ruine etwas Schutz, um zu essen und unsere Regenkleidung anzuziehen. Nach 3 Stunden im strömenden Regen war dann aber leider ein Punkt erreicht, den wir so nicht haben kommen sehen: meine Regenjacke war leider voll gelaufen und nun begann das Wasser durch meine komplette Kleidung zu sickern.

Mir wurde kalt, meine Füße standen in den Schuhen im Wasser, und ich konnte einfach nicht mehr. In diesem Zustand traf ich auf den ersten “echten” Schotten. Woran man den erkennt? Ganz einfach: man versteht kein Wort von dem, was er sagt. 😂 Er gehörte zur Organisation, die den WHW pflegen, und stand dort mit Kaffee um Spenden zu sammeln. Nach mehreren missglückten Versuchen, ein Handynetz zu finden, und mit dem guten Mann zu sprechen kriegte mein Mann irgendwie aus ihm raus, dass ihn jemand in Kürze mit dem Auto abholen sollte.

Wir mussten also jetzt eine Entscheidung treffen: entweder gingen wir den Weg durch den Wald weiter und nahmen nochmal mindestens 3 Stunden im strömenden Regen in Kauf. Das war aber angesichts der Tatsache, dass ich schon gefährlich müde wurde, keine realistische Option. Also entschieden wir uns dafür, der Versorgungsstraße nach Fort William zu folgen, um entweder irgendwann mit dem Handy Netz zu kriegen und ein Taxi zu rufen oder auf den Kumpel vom Schotten zu treffen.

Wir waren übrigens nicht die einzigen, die an diesem Tag abbrechen mussten. Besonders hart traf es auch die Camper, deren ganzes Equipment durchnässt war und die nun verzweifelt eine Unterkunft in Fort William suchten. Das erfuhren wir von dem verständlichen Schotten, der uns tatsächlich irgendwann auf der  Straße entgegen kam und für mich eine Medaille als Lebensretter verdient hatte. Er brachte uns tatsächlich nach Fort William, nass und dreckig wie wir waren. Er hatte aber offenbar schon eine Wanderin, die sich verletzt hatte, gefahren, und wollte auch von einer Bezahlung nichts wissen. Selbst die Einheimischen waren von dieser Wetterlage überrascht worden und wären an so einem Tag niemals gewandert, meinte er.

So standen wir dann also klatschnass und frierend in der Fußgängerzone von Fort William am Endpunkt des Weges. So ein richtiges Jubelgefühl wollte sich nicht einstellen, weil wir den Weg ja nicht zuende gegangen sind. Es war vielmehr Erleichterung und die Aussicht auf eine heiße Dusche und trockene Kleidung, die uns zu unserem B&B trieb. Dort erwartete man uns natürlich noch nicht, nahm uns aber trotzdem unsere nassen Sachen ab und versprach, unsere Koffer zu bringen sobald sie eintreffen würden. Richtig, wir waren schneller als die Koffer an diesem Tag.

Ob ich den Weg nochmal gehen würde? Mit Sicherheit. Aber wenn, dann mit mehr Training vorher, und mit besserer Regenjacke. Dass die Wassersäule mehr ist als eine abstrakte Zahl, hatte ich ja nun leidvoll erfahren. Aber das Erlebnis, in Einsamkeit durch die schottischen Highlands zu wandern, war wunderbar und hatte uns wirklich angefixt, im Jahr darauf wieder einen Fernwanderweg zu laufen.

Achja: wir haben tatsächlich keine einzige Heelin Coo gefunden! Skandal! highland-cow-getty-large-700x438

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