Wenn man alles sein will – aber nicht weiß wie

Gestern Abend bin ich nochmal aufgestanden, als das Süßchen und der Süßchenpapa schon friedlich schlummernd im Bett lagen. Mein Kopf war voll, und obwohl ich entsetzlich müde war konnte ich nicht einschlafen. Es gab einfach Fragen, auf die ich keine Antwort finden konnte. “42” lasse ich nicht gelten.

War was passiert? Naja, es passiert gerade ziemlich viel. Der Süßchenpapa war in letzter Zeit viel mehr arbeiten und hat auch viel von dem Ärger im Job mit nach Hause gebracht. Und natürlich ist da meine bezaubernde Tochter, die seit bald 3 Monaten bei uns ist. Das heißt aber für mich, Frau, Ehefrau,  nun Mutter, irgendwann wieder Lehrerin, dass noch mehr Erwartungen an mich heran getragen werden. In den seltensten Fällen werden diese offen kommuniziert, aber sie sind dennoch da.

Fangen wir mal mit mir als Frau an. Ich habe nach der Geburt vom Süßchen einen Hängebauch mit vielen Dehnungsstreifen. Ich wusste vorher, dass das so kommen würde, weil meine Mutter auch diese Probleme hatte. Trotzdem fühle ich den Druck, “einfach mal Sport zu machen”. “Sich Zeit dafür zu nehmen”. Ich weiß, das ist alles lieb gemeint und inhaltlich ja auch korrekt. Aber derzeit bin ich Kräfte mäßig voll damit ausgelastet, den Alltag mit Baby und Hund zu stemmen. Das Süßchen ist und war von Anfang an ein sehr waches Baby, das sehr viel Aufmerksamkeit eingefordert hat. Ablegen und ihr was zum Spielen geben geht an guten Tagen, an schlechten ist sie mein siamesischer Zwilling. Ich habe Tage auf der Couch damit verbracht, ihr beim Clustern zuzuschauen. Gefühlt 30 Mal am Tag ziehe ich ihre Spieluhr auf, um sie zu wickeln oder umzuziehen.  “Somewhere over the rainbow” ist deshalb im Dauerschleife in meinem Kopf. Ich trockne Tränen, wische Kotze weg, die Waschmaschine läuft in Dauerrotation. “Mal eben” noch Sport zu machen, das ist für mich grad über mein Limit zu gehen. 

Ich bin natürlich auch noch Ehefrau. Und ich bin mit Sicherheit grad keine gute. Zweisamkeit mit meinem Mann fällt hinten über, weil mein “Kontingent” an emotionaler Zuwendung an vielen Tagen schlicht dabei drauf gegangen ist, dem Süßchen Zuneigung, Trost, Bespaßung, und was immer sie brauchte zu geben. Ich werde zunehmend ungeduldiger was seine Arbeitssituation angeht. Es läuft nicht alles koscher auf der Arbeit, und ich bin sauer und verunsichert, was die Zukunft für uns bringt. Zudem mache ich mir Sorgen, wie lange er die hohe Belastung noch schultern kann bevor er gesundheitliche Probleme bekommt. 

Aber die langen Abwesenheiten und die Belastung vom Süßchenpapa heißt irgendwie auch, dass Gedanken um die Erziehung vom Süßchen und Input von außen bei mir landen. Sei es durch die Familie, die ich so gut es geht versuche aus diesem Thema raus zu halten, aber natürlich spielt auch Social Media eine Rolle. Ich bin von Natur aus und Berufs wegen daran interessiert, Ideen, Konzepte, aber auch “Bauchgefühl” zu hinterfragen und gern mit wissenschaftlichen Daten zu füttern, um mir dann ein eigenes Bild zu machen. Der Süßchenpapa kommt aus einer ähnlichen Ecke, findet aber zwischen Arbeit, Haushalt und lernen für seine Weiterbildung keine Zeit und Ruhe mehr, sich selbst zu Themen wie Beikost oder Impfungen einzulesen. Meistens endet es darin, dass ich ihm erzähle was ich herausgefunden habe und er auf der Basis entscheidet, ob er dieses oder jenes gut findet.

Ehrlich gesagt graut es mir schon vor dem Tag, an dem ich auch wieder Lehrerin bin. Denn natürlich erwarten auch meine Schüler einen vernünftig vorbereiteten Unterricht, brauchen emotionale Zugewandtheit und haben es verdient, dass ich sie als Individuen wahrnehme und schätze. Ich fühle mich aber bereits jetzt innerlich von meinen Rollen und ihren Anforderungen zerrissen. 

Was mir im Moment am wichtigsten ist, ist meine Rolle als Mutter. Ich muss viel lernen und finde es unglaublich erfüllend, für das Süßchen da zu sein und ihr beim Wachsen und Lernen zuzuschauen. Ich weiß aber natürlich, dass ich alles andere nicht aus den Augen verlieren darf. Also bin ich auf der Suche, wie ich die verschiedenen Ansprüche an mich, von mir und von anderen, unter einen Hut kriege. Ganz ehrlich, das wird eine spannende Reise. ☺️

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