Das Privileg, ein Kind zu haben – meine ganz persönliche Sicht der Dinge

Während ich mit meinem Friseur (an dieser Stelle einen lieben Gruß, Torben!) über meinen Blog und unsere Ansichten über das Elternsein spreche, fällt mir etwas auf. Wieso ist es so, dass mehrheitlich über die vermeintlich negativen Folgen des Kinderkriegens gesprochen wird, und das ganze “Paket” Kind immer in gut und schlecht aufgeteilt wird?

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Nehmen wir das Thema Schlaf. Ich kenne einige Leute, die Einschlafbegleitung als lästig empfinden. Frei nach Ferber, das Kind solle bitte schnell alleine einschlafen. Einfach ins Bett legen und gut. Und schon hat man seine Ruhe und kann… was auch immer man tun will. In meinem Falle kann es Fernsehen sein, kochen, backen, nähen, aufräumen, mit meinem Mann reden, man setze die Liste beliebig fort.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein d inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Sehen wir uns mal die andere Seite an. Meine Tochter ist bald 8 Monate alt, das heißt, sie hat mehr Zeit geschützt und voll versorgt in meinem Bauch verbracht als auf dieser Welt. Diese laute, leise, dunkle, helle, bunte, grelle, hektische, kalte, warme Welt, in der sie ankommen muss, die sie jeden Tag fordert, in der sie zu einem selbstständigen Menschen heranwächst, und das alles in einer für mich faszinierenden Geschwindigkeit. Wie kann ich ihr da das Bedürfnis verweigern, in meinen Arm gekuschelt einzuschlafen? Wie lange will sie das überhaupt?

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Für mich ist es jeden Abend ein Privileg, sie in den Schlaf zu begleiten, eine kleine Auszeit vom Zirkus “Ich muss dieses oder jenes schaffen”. Der Fernseher läuft nicht weg, mein Mann auch nicht (hoffe ich), und alles andere kann man nach und nach tun, auch wenn es mal an einem Abend nicht so klappt mit dem Einschlafen. Aber eine Sache läuft weg: die Zeit, in der mein Baby klein ist und den Schutz, die Fürsorge, die Nähe von mir braucht. Eltern sein ist anstrengend, ohne Frage, mehr Schlaf wäre schön. Aber das schönste Geschenk für mich ist es, mein selig schlummerndes Kind zu betrachten, da kommt kein Hollywood Film ran.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da konnte ich es mir nicht vorstellen, jemals Kinder zu haben. Diese Einschränkung und Entbehrungen, die man dafür leisten muss! Wie weit weg ich von der Wirklichkeit war, das sehe ich erst heute. Es ist für mich eine Frage der Einstellung, ob ich jede Zeit so annehmen kann und möchte, wie sie eben ist. Es kommen andere, die bestimmt genauso schön werden, wenn man es selbst zulässt.

Zitate: “Stufen” von Hermann Hesse

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