Lasst auch die Eltern wachsen

Vor ein paar Tagen bin ich mit einer Freundin darüber ins Gespräch gekommen, dass es in ihrem Umfeld ein junges Elternpaar gibt, welches sich immer mehr abkapselt von Familie und Freunden. Die Tochter der beiden, mittlerweile sechs Monate alt, würde immer sehr viel weinen und die Eltern seien damit überfordert, würden aber Hilfe und Ratschläge ablehnen. Diese Freundin ist Gott sei Dank jemand, der sensibel mit solchen Situationen umgeht, und hat sich auf eine zuhörende und abwartende Position zurück gezogen, ganz im Gegensatz zu anderen Personen, die den Eltern weiter auf die Pelle rücken. Sie sollen doch noch einen Arzt aufsuchen, das Kind auch mal in Ruhe lassen, und überhaupt seien sie ja komplett überfordert. Joah. Danke dafür.

Mit Urteilen sind wir immer schnell bei der Hand, und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man selbst schon Kinder hat oder nicht. Wobei… meistens sind es Eltern, die sich drastischere Urteile erlauben. Mombashing scheint mittlerweile ein Volkssport in den sozialen Medien geworden zu sein. Jeder lädt im Schutz der vermeintlichen Anonymität seinen, excuse my French, Bullshit zu irgendwelchen Themen ab, und eigentlich ist es egal, worum es geht. Ich selbst wurde neulich dafür kritisiert, dass ich mich nicht darüber freue, jede Woche bei irgendeinem Arzt auflaufen zu müssen weil ich mit Zwillingen eine Risikoschwangere bin. Ich solle doch froh sein, dass ich nicht nur alle vier Wochen hin dürfe und daher mehr Sicherheit hätte, dass es den Kindern gut geht. Ok. Für mich persönlich ist es aber so, dass ich dieses erhöhte Bedürfnis nach Sicherheit gar nicht habe, und ich dieses ständige beim Arzt sitzen als Belastung empfinde. Das ist aber offenbar falsch. Wie im übrigen eigentlich alles, was man so macht, falsch ist.

810b22ce-81ae-4bc7-b958-262af241e724

Guess what? Ja, natürlich machen auch Eltern manche Sachen „falsch“. Teilweise, weil sie auf das hochgelobte „Bauchgefühl“ hören, welches aber leider oft nichts anderes ist als die unreflektierte Wiederholung der eigenen Erziehung. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem eigenen inneren Kind, die quasi unausweichlich ist, wenn man selbst ein Kind hat, findet oft nicht oder eben erst verzögert statt. Gründe gibt es genug: zu wenig Schlaf, zu wenig Zeit, das Kind fordert viel… aber eigentlich kommt es vor allem daher, dass der ehrliche und offene Austausch mit anderen fehlt. Denn für viele ist der Schein leider immer noch wichtiger als das Sein. Da wird dann so getan, als wäre es ein Klacks, das Baby, den Haushalt und den Friseur easy peasy in den Tag zu integrieren. Ich sag euch was: das ist es nicht. Manchmal war ich froh, wenn ich zum Duschen gekommen bin. In so einer Situation tut es einfach gut zu wissen, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen, und manchmal stolpert man über hilfreiche Impulse, die einen voran bringen. Ich persönlich habe mich selten so einsam gefühlt wie zu Beginn meiner ersten Mutterschaft, und für mich waren Elternblogs und Instagram, auch mit den unvermeidlichen Nebenwirkungen, eine große Hilfe, intellektuell nicht vollkommen unter die Räder zu kommen. Denn, ihr lieben Menschen da draußen, die es natürlich wirklich nur gut meinen und helfen wollen, bitte vergesst eine Sache nicht: nicht nur die Kinder wachsen, sondern auch wir Eltern. Gebt uns die Zeit und den Raum. Wenn wir Bedarf haben an Hilfe und Rat, werden wir sie einfordern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.